20 Jahre medizinische Versorgung von wohnungslosen Menschen in Hannover

24.5.22

Medizinische Hilfe für alle, unkompliziert und ohne Haken? Das sollte in unserer Gesellschaft selbstverständlich sein. Viele Menschen sind dennoch ohne Schutz, wenn sie erkranken. Ob von Armut betroffene, wohnungslose, ältere oder Menschen ohne Papiere – alle haben ein Recht auf medizinische Versorgung.

Zum Festakt "20 Jahre medizinische Versorgung wohnungsloser Menschen in Hannover" informieren wir an dieser Stelle über die aktuelle Situation in unserer Stadt. Wohnungslose haben keine starke Lobby und die Caritas Hannover sieht sich als Anwalt der Betroffenen. Es sind mehr, als man vermuten würde. Menschen, die in Deutschland ohne Versicherung sind oder sich schämen, im Wartezimmer einer Arztpraxis zu sitzen. Viele haben keine Möglichkeit, sich regelmäßig zu waschen, keine saubere Kleidung und fürchten sich vor den Blicken der anderen Wartenden. Und kleine gesundheitliche Probleme werden auf der Straße schnell zu großen.

Mehr dazu hier

Wir haben die bewegende Rede von von Ramona Pold hier zum nachlesen eingestellt:

„Corona“ mit diesem Wort hat sich die ganze Welt in den letzten 2 Jahren beschäftigt. Füruns alle hatte und hat die Pandemie massive Auswirkungen mit sich gebracht.

Wir mussten uns zurückziehen, Schutzmaßnahmen ergreifen und unser Soziallebeneinschränken.

„Stay at home“ Doch was machen, wenn es keinen Rückzugsort gibt. Kein Zuhause, keinZimmer, kein Bett.

Wenn der öffentliche Raum dein zuhause ist?

Tagesaufenthalte, die dir eigentlich etwas Sicherheit geben sollten, schließen oder ihrAngebot reduzieren müssen/mussten

Von jetzt auf gleich ist dieser Rückzugsort nicht mehr sicher.
Nicht mehr sicher, weil evtl. geschlossen
Nicht mehr sicher, weil der Zugang und die Nutzung nur noch eingeschränkt möglich sind.Du dich nicht mehr sicher fühlst, weil es auf einmal strenge Regeln gibt.

Du da frierst, wo du dich eigentlich wärmen solltest. Alle 30 Minuten werden die Fensteraufgerissen. Du kannst Dich nicht neben deinen Kumpel setzen, um gemeinsam eine Zeitung zu lesen.

Du auf einmal siehst, wie Deine Strukturen und Versorgungsangebote wegbrechen. Deine Existenz ins Wanken gerät.

Konzerte entfallen, Fußballspiele werden abgesagt, die Partyszene bleibt zuhause. Dassbisschen Geld, das man beim Flaschensammeln eingenommen hat, bricht weg. Die Straße,die Fußgängerzone ist leer. Es gibt schlichtweg niemanden mehr den man ansprechen kann.

Schnorren, Betteln alles entfällt. Auch die nette Dame, die dir vor ihrer Arbeit noch schnelleinen Kaffee bringt. Alle und alles ist nicht mehr da.

Jeder blieb zuhause!

Aber wo ist das zuhause der Menschen, die auf der Straße leben? Wo gehe ich hin, wenn eseine Ausganssperre gibt. Komme ich morgen noch in den Tagestreff, in dem ich mich gerneaufhalte oder muss ich draußen bleiben, weil schon zu viele Besucher im Treff sind. Wiekomme ich an Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel. Wo wasche ich mirzwischendurch die Hände?

Warum muss ich Strafe zahlen? Ich wollte mich an der Bushaltestelle doch nur kurzausruhen ohne Maske. Ich stand doch nur mit Freunden rum (Versammlungsverbot)

Wo kann ich im Sommer noch meine Flaschen füllen, wenn doch alles zu ist?

Wird die Straßenambulanz fahren? Ist die medizinische Versorgung gesichert?

Wie komme ich an einen PCR Test?

Ich habe Symptome komme aber aus keinem Urlaubsland und hatte keinen Kontakt zu einenUrlaubsrückkehrer.

Ich kann ihnen nur einen minimalen Anteil des Bildes zeichnen, wie sich wohl für vieleobdachlose Menschen in den vergangenen Jahren das alltägliche Leben dargestellt hat.

Knapp 50% der Tagesaufenthalte in Deutschland mussten, der BAG W zufolge, ihreAngebote einschränken oder ganz schließen.

15% der Angebote der Kältenothilfe fuhren nicht mehr mit voller Last, weil Hygieneauflagenund Beschränkungen dies nicht mehr zuließen.

So gingen Alltagsstrukturen und bis dato vorhandenen Sozialaktivitäten für wohnungsloseMenschen verloren Gerade sie sind auf die Solidarität der Mitmenschen

angewiesen. SozialeArbeit und Menschlichkeit waren gefragter denn je.

Jedoch braucht die nötigen Ressourcen, um unter den Bedingungen einer PandemieHilfsangebote aus dem Boden zu stampfen, um unsere Mitmenschen, die am Existenzminimum leben aufzufangen.

In Hannover ist uns dies als Caritasverband gemeinsam mit dem Diakonischen Werkgelungen. Finanziert über Land, Region und Landeshauptstadt.

Mit dem Projekt zur Unterbringung von wohnungslosen Menschen in der DeutschenJugendherberge konnten wir von Mitte April bis Mitte Oktober 2020 Menschen, die sonst auf der Straße lebten, einen Schutzort vor Corona bieten. Diese Menschen hatten dieMöglichkeit, sich zu stabilisieren, sich darauf zu verlassen, dass ein Schutzraum für sie daist. Sie konnten sich mit Fragen beschäftigen, die sonst durch ihre täglichenVersorgungszwänge keinen Raum haben.

Leistungsansprüche konnten durchgesetzt werden, Arbeitsverträge wurden geschlossen,kranke konnten ihren Gesundheitszustand verbessern, Vermittlungen in relevante Hilfenwurden unterstützt und das Selbstwertgefühl und die Eigenverantwortlichkeit derUntergebrachten Menschen hat massiv zugenommen.

Der Wille zu Veränderungen war da, bei Menschen die wir zu Beginn der Pandemie habenmental zusammenbrechen sehen.

Wir hatten die Möglichkeit ein Sicherheitsgefühl zu vermitteln.

Weitergeführt mit AWO, Sewo,, DW Jugendgästehaus, Hotels - spendenfinanziert oder KDU

Doch wir haben bei weitem nicht jeden Menschen auf der Straße erreicht. Gerade beiFrauen, die gerade mal 10% der Bewohnerinnen ausgemacht haben, hatten wir massiveProbleme sie zu erreichen. Warum eine geschützte Platte aufgeben, für ein Projekt, von dem es hieß, dass es nur vier Wochen bestehen wird?

Auch für die Menschen, die keinen Zugang zu diesem begrenzten Angebot innerhalb derLockdowns gefunden haben, sind zusätzliche Unsicherheiten entstanden. Wo kann ich hin?Welche Regeln gelten? Woher bekomme ich Informationen? Wie schlimm ist diese Krankheitden eigentlich?

Stellen sie sich bitte vor, wie Sie sich gefühlt hätten, ohne PC, Handy, TV- ohne die täglichenInfos. Infos, die man benötigte, um nicht in Panik zu verfallen.

Besucherinnen des Tagestreffs, die sonst zugewandt und freundlich waren, haben dasVertrauen in die Gesellschaft und Politik verloren. Sie standen noch mehr am Rande derGesellschaft als sonst.

Ist es da verwunderlich, dass die Psyche beginnt sich zu verändern?

Ich denke nicht.

Viele haben sich distanziert, einige wurden aggressiv, haben psychisch auffälliges Verhaltengezeigt. Sie haben teilweise keinen Raum mehr gelassen, um an sie heranzukommen. DerKonsum und das Trinkverhalten haben sich bei vielen Menschen zum negativen geändert.Das erzeugt Besorgnis und schockiert.

Doch auch Sozialpsychiatrische Dienste, Sucht- und Schuldnerberatungen mussten ihreAngebote einschränken. Es konnten keine persönlichen Einzelgespräche mehr stattfinden,Gruppenangebote entfielen. Gerade der Umgang in der Trinker Szene hat sich massivverschärft. Ein großes Problem entstand im ersten Lockdown, als das Reisen in andereLänder untersagt wurde. Gerade im Bereich der Illegalen Drogenszene kam es Immerwieder zu medizinischen Notfällen, da der angebotene „Stoff“ massiv gestreckt oder versetztwurde.

Umso wichtiger war und ist es, eine Verbindlichkeit für die Menschen zu schaffen, für die wirda sind. Die Straßenambulanz der Caritas hat in diesen schweren Zeiten ermöglicht,dass Menschen ohne Anspruch PCR getestet wurden. Dass Schelltests mit Zertifikatausgestellt wurden. Dass es ein Impfangebot gab und noch gibt.

Psychiater, Gesundheitssprechstunde, Krankenwohnung, GynäkologischeSprechstunde, Podologie, Kindersprechstunde, Brillensprechstunde, KISS(Kompetenz im Selbst bestimmten Substanzkonsum, Kontrolliertes Trinken, Eröffnung Kontakt Café.

Mit Beginn der Pandemie und im letzten Jahr haben wir konsequent die Angebote für wohnungslose Menschen ausgebaut

Die Corona Pandemie hat uns gezeigt, was alles möglich ist und was man gemeinsamschaffen kann. Hier kann man nur allen Akteuren der Wohnungslosenhilfe, allenehrenamtlich Tätigen Danke sagen für die tolle Zusammenarbeit.

Sie hat uns alle aber auch ans Limit gebracht.

Wir können nur hoffen, dass unsere Gesellschaft und Politik die richtigen Schlüsse ausdiesen Erfahrungen zieht und sich für die Zukunft gewappnet sieht. Wir müssen weg von derEinstellung „Wenn jeder an sich selbst denkt ist an alle gedacht“

Lassen Sie uns für die Zukunft gemeinsam an alle denken!!!

DANKE

Caritasverband Hannover e. V.

Gez.
Ramona Pold

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